Schönholz-Gollenberg im Havelland. In diese Gegend kamen schon im vorletzten und letzten Jahrhundert rastlose Geister. Fontane wanderte hier herum und setzte dem Gut und Dörfchen Ribbeck ein literarisches Denkmal: "Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Ein Birnbaum in seinem Garten stand..." Viel später nutzte der Segelflugpionier Otto Lilienthal den Gollenberg regelmäßig als Ausgangspunkt für seine Testflüge, bis zum Absturz am 9. August 1896. Anfang der 1930er-Jahre war Charles Lindbergh hier, wegen des avantgardistischen Segelflugbetriebs.
Lutz Friedels Höhenflüge beschränken sich auf den wettertestenden, auch genießenden Blick - hoch in den klaren, blauen oder manchmal verhangenen Himmel hinter seinem Haus, das halb aus Stein, halb aus dunkel gestrichenem Holz gebaut ist. Garten, Wiese, Bäume - alles ist jetzt weiß. Schneematschweiß. Den Blick in die Landschaft verstellen nur die von Mistelnestern bewachsenen Robinien. Und weit hinten ein Kuhstall. "Bis 1990 arbeiteten dort hundert Melker und Tierpfleger. Heute sind es vielleicht noch zehn", gibt der Künstler Auskunft über die Nachbarn jenseits der Weide. Köpfe aus Eichenstämmen. Unterschiedlicher kann das Lebensgefühl nicht sein, zwischen hier und dem Berliner Kollwitzplatz. Zwei Seelen, ach, in Friedels Brust, die urbane und die ländliche. Der gebürtige Sachse - er stammt aus Leipzig und wurde Wahlberliner - ist seit einigen Jahren Brandenburger. Mit Pendelbewegungen nach Berlin. Ruhe zum Arbeiten und Platz, um mit der Kettensäge die Köpfe aus den massiven Ulmen, Pappel- und am allerliebsten Eichenstämmen zu schneiden, hat der 60-Jährige nur hier, im letzten Haus des Dorfes. Der kreischende Lärm, den die Säge macht, stört hier keinen, höchstens die dreisten Elstern, die sich verziehen, sobald Friedel den Motor anlässt. Seine Frau, eine Kinderbuchillustratorin, stören die Geräusche nicht. Die Kettensäge im Hartholz kompensiert die kreative Unrast ihres Mannes. Der Dachboden ist Maleratelier, der Hof Holzschneider-Refugium. Dahinter beginnen Wald und Flur. Der Förster und der Nachbar sind Friedels Baumberater. Sie kennen bis ins Innerste die Konsistenz der Holzsorten; sie können ihm sagen, wo es nach der Bearbeitung und beim Ablagern störende Risse geben könnte. Und von ihnen erfährt der Bildhauer, wann und wo Straßenbäume gefällt werden, aus deren Stammstücken Friedel später in den jeweils möglichen Größen Köpfe schneiden könnte. Die Alteingesessenen sind keine Kunst-Fans. "Aber sie sind interessiert und starke Helfer", lobt Friedel. Er hat nicht erwartet, mit seiner Ansiedlung hier auch gleich ein geneigtes Publikum zu finden. Brandenburger sind von Natur her sowieso abwartend und eher skeptisch. Aber wenn sie "einen aus der Stadt" erst mal akzeptieren, sogar mögen, dann für immer. Die wenigsten im Dorf wissen, dass Friedel, der in Leipzig und Dresden Malerei studierte, 1984 aus Prenzlauer Berg nach Frankfurt am Main ausgereist war und von da nach wenigen Monaten nach Berlin zurückkehrte: Vier Jahre lang, bis Herbst 1989, hat er von Kreuzberg aus die Mauer angeguckt. Er war einst Meisterschüler von Bernhard Heisig, der nicht weit von hier, in Strodehne, lebt. Und sollte er den Nachbarn erzählen, dass er 2005 Altkanzler Helmut Kohl porträtierte? Fünf Mal saß er ihm Modell. Das Bild hängt im Berliner Abgeordnetenhaus. Aber dieser politische Ort ist weit weg von der alten, doch stabilen Schönholzer Gerätehalle der ehemaligen LPG. Sie ist der Ort für einen echten Romantiker. Friedel hat sein Schaulager problemlos anmieten können. Auf Holzunterlagen stehen weitere Köpfe, aus hartem Holz gesägt, intensiv bemalt, so dass die Gesichter charakteristische Physiognomien bekommen. Ein Kopf mit stoischen Zügen lagert auf tatzenähnlich ausgeschnittenen Brettern. Ganz zufällig ist eine Sphinx entstanden. Es gibt auch Janus-Köpfe. Und solche, denen grob ausgeformte Hände Mund, Augen, Ohren verschließen. Es sind darunter weibliche und männliche Gesichter mit lachenden und weinenden, sogar schreienden Mündern. Das weiße, aber von dunklen Rissen durchzogene Konterfei eines "Laut Lachenden" wirkt als Mischung von Fröhlichkeit und Hohngelächter, andere Köpfe verbreiten Introvertiertheit oder weltabgewandte Melancholie. Noch andere Aggressivität, Blasiertheit. Oder Gleichgültigkeit und Schmerz, sogar Demut. Ein ganzes museales Charakter-und Stimmungsarsenal tut sich auf in der eiskalten Lagerhalle hinter der grauen Schiebetür. Die "Ketzer" - in ihrer Anzahl zweifellos Lieblingsmotive des Bildhauers - mit versunkenen weißen Mienen und den hohen, stigmatisierenden Hüten sind aufgestellt in einer langen Reihe. Friedel hat diese effektvollen Skulpturen gleichsam domestiziert in seiner Havelländischen Gerätehalle, in der früher wohl so in Reih und Glied die Feldmaschinen standen. Der Bildhauer sagt, es gehe ihm bei seinen grob behauenen Köpfen immer um Individualität statt Verallgemeinerung. Womöglich Selbstbildnisse. Es sind alles Porträts von Leuten, deren Züge er sich irgendwann und irgendwo einmal eingeprägt hat. Auf dem Land, in der Stadt, im Film. Namentliche Vorbilder gibt es nicht. Der Förster und sein Nachbar, der Friedel beim Bäume-Auswählen berät, glauben sogar, die Köpfe seien womöglich Selbstbildnisse. Und Lutz Friedel widerspricht ihnen nicht. Künstler sind ja immer auf der Suche - auch nach sich selber. Hier draußen, am Dorfrand von Schönholz-Gollenberg, fand er, was er suchte, Bodenhaftung. Erdung. Hier kann er sich selber finden.
