Biographie
 
    Grußwort
Prof. Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages
, zur Aussttellung "Möve auf Sirene - vom Untergang der Titanic und anderem"
aus dem Katalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 14. 10. 2014 bis zum 22. 02. 2015 im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages
 
 
 
 
 

Zur Eröffnung des neuen Landtagsgebäudes stellte der Maler und Bildhauer Lutz Friedel im Landtag Brandenburg seine Serie "Ich! Meine Selbstporträts
zwischen 1635 und 2003" aus. Es handelt sich dabei um eine mehr als einhundert Blätter umfassende Porträtserie, die Politiker, Schauspieler, Modemacher und Künstler von Joseph Goebbels und Adolf Hitler über Walter Ulbricht, Willy Brandt und Helmut Kohl bis hin zu Lovis Corinth, Karl
Lagerfeld und Andy Warhol umfasst.

Jedes dieser Bildnisse steht für eine Persönlichkeit, die, wie es redensartlich so schön heißt, »Geschichte schrieb« – unabhängig von der Bewertung ihres Wirkens. Die Ausstellung provozierte lautstarke Widerrede, manche forderten die vorzeitige Beendigung der Ausstellung. Die Proteste gegen Friedels Arbeiten waren von der Sorge getragen, dass mit Kunst Tyrannen und Mörder quasi verteidigt, dass ihre Schuld nivelliert werde; auch Bedenken, dass Staatsmänner unterschiedlichster Zeiten durch eine solche Reihung gleichgesetzt werden könnten, wurden angesprochen.

Die öffentliche Diskussion, die schließlich im Verbleib der Ausstellung mündete, ist ein Lehrstück für den spannungsreichen Gesprächsraum, in dem Kunst und Politik miteinander agieren. Diese Erfahrung teilen wir im Deutschen Bundestag, zu dessen Selbstverständnis es seit vielen Jahrzehnten gehört, Kunst über große, ortsspezifische Installationen, Ausstellungen oder eine eigene Kunstsammlung in Dialog mit Politik und Politikern zu setzen.
Für die Ausstellung im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages wurde Lutz Friedel gebeten, sich anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls auf eine biografische Spurensuche nach seiner Erinnerung an die DDR, vor allem an die Entscheidung zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1984 zu begeben. Die dabei entstandene Ausstellung zeigt zahlreiche überlebensgroße Kopfskulpturen, die der Künstler einmal als »Wallhall der Nichtse“ titulierte. Jene anonymen Personen sind das Gegenstück zu den bekannten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Im Zusammenhang mit Ort und Anlass der Ausstellung liegt eine starke Assoziation zum im Einzelnen namenlos gebliebenen »Volk« nahe, dem wir den Mauerfall von 1989 verdanken.
Friedel stellt den Skulpturen historisch-visionäre – man könnte auch sagen phantastische – Gemälde wie »Die Untertunnelung des Brandenburger Tores« bei, in denen er Jahre vor dem Fall der Mauer malerisch erkundete, wie die damals noch unstürzbar scheinende Grenze zu unterminieren sei. Biografisch wird die Ausstellung vor allem durch Originaldokumente wie Tagebücher und Fotografien, in denen die Zeit kurz vor und kurz nach seiner Ausreise
thematisiert ist.

Die Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1980 bis zu seiner Ausreise sind in diesem Begleitband dokumentiert. Sie zeugen vom Zweifel am Bleiben und am Gehen, vom Ringen um die Frage, was ein Künstler in der Welt sein kann und welche Grenzen dabei unüberwindlich sind, wenn es dabei auch immer um Verantwortung und Selbstbewahrung geht.
Eine der großen Qualitäten von Lutz Friedels Werk liegt darin, dass er in vielen seiner großen Werkzyklen Geschichte zur Reibungsfläche des eigenen Arbeitens macht. Dabei vermeidet er weder das Grauenvolle oder Unverständliche, noch versteht er sich als Pädagogen, der auf alle Fragen der Geschichte eine Antwort wüsste. Die immer neue Befragung von Geschichte jenseits von Stereotypen und zu oft wiederholten Gewissheiten aber ist das, was uns in die Lage versetzt, aus der Vergangenheit zu lernen. Auch dann, wenn es wehtut. Gerade dann.

 

 

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