|
|
Zur Eröffnung des neuen Landtagsgebäudes stellte
der Maler und Bildhauer Lutz Friedel im Landtag Brandenburg
seine Serie "Ich! Meine Selbstporträts
zwischen 1635 und 2003" aus. Es handelt sich dabei
um eine mehr als einhundert Blätter umfassende Porträtserie,
die Politiker, Schauspieler, Modemacher und Künstler
von Joseph Goebbels und Adolf Hitler über Walter Ulbricht,
Willy Brandt und Helmut Kohl bis hin zu Lovis Corinth, Karl
Lagerfeld und Andy Warhol umfasst.
Jedes dieser Bildnisse steht für eine Persönlichkeit,
die, wie es redensartlich so schön heißt, »Geschichte
schrieb« – unabhängig von der Bewertung
ihres Wirkens. Die Ausstellung provozierte lautstarke Widerrede,
manche forderten die vorzeitige Beendigung der Ausstellung.
Die Proteste gegen Friedels Arbeiten waren von der Sorge
getragen, dass mit Kunst Tyrannen und Mörder quasi
verteidigt, dass ihre Schuld nivelliert werde; auch Bedenken,
dass Staatsmänner unterschiedlichster Zeiten durch
eine solche Reihung gleichgesetzt werden könnten, wurden
angesprochen.
Die öffentliche Diskussion, die schließlich im
Verbleib der Ausstellung mündete, ist ein Lehrstück
für den spannungsreichen Gesprächsraum, in dem
Kunst und Politik miteinander agieren. Diese Erfahrung teilen
wir im Deutschen Bundestag, zu dessen Selbstverständnis
es seit vielen Jahrzehnten gehört, Kunst über
große, ortsspezifische Installationen, Ausstellungen
oder eine eigene Kunstsammlung in Dialog mit Politik und
Politikern zu setzen.
Für die Ausstellung im Mauer-Mahnmal des Deutschen
Bundestages wurde Lutz Friedel gebeten, sich anlässlich
des 25. Jahrestages des Mauerfalls auf eine biografische
Spurensuche nach seiner Erinnerung an die DDR, vor allem
an die Entscheidung zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik
1984 zu begeben. Die dabei entstandene Ausstellung zeigt
zahlreiche überlebensgroße Kopfskulpturen, die
der Künstler einmal als »Wallhall der Nichtse“
titulierte. Jene anonymen Personen sind das Gegenstück
zu den bekannten Persönlichkeiten der Zeitgeschichte.
Im Zusammenhang mit Ort und Anlass der Ausstellung liegt
eine starke Assoziation zum im Einzelnen namenlos gebliebenen
»Volk« nahe, dem wir den Mauerfall von 1989
verdanken.
Friedel stellt den Skulpturen historisch-visionäre
– man könnte auch sagen phantastische –
Gemälde wie »Die Untertunnelung des Brandenburger
Tores« bei, in denen er Jahre vor dem Fall der Mauer
malerisch erkundete, wie die damals noch unstürzbar
scheinende Grenze zu unterminieren sei. Biografisch wird
die Ausstellung vor allem durch Originaldokumente wie Tagebücher
und Fotografien, in denen die Zeit kurz vor und kurz nach
seiner Ausreise
thematisiert ist.
Die Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1980 bis zu seiner
Ausreise sind in diesem Begleitband dokumentiert. Sie zeugen
vom Zweifel am Bleiben und am Gehen, vom Ringen um die Frage,
was ein Künstler in der Welt sein kann und welche Grenzen
dabei unüberwindlich sind, wenn es dabei auch immer
um Verantwortung und Selbstbewahrung geht.
Eine der großen Qualitäten von Lutz Friedels
Werk liegt darin, dass er in vielen seiner großen
Werkzyklen Geschichte zur Reibungsfläche des eigenen
Arbeitens macht. Dabei vermeidet er weder das Grauenvolle
oder Unverständliche, noch versteht er sich als Pädagogen,
der auf alle Fragen der Geschichte eine Antwort wüsste.
Die immer neue Befragung von Geschichte jenseits von Stereotypen
und zu oft wiederholten Gewissheiten aber ist das, was uns
in die Lage versetzt, aus der Vergangenheit zu lernen. Auch
dann, wenn es wehtut. Gerade dann. |