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| Adler (die Brüder) 1989 Öl / Bitumen auf Lwd. 220 x 220 cm |
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Für den Maler Lutz Friedel, der die DDR 1984 im Alter von 36 Jahren verließ und der schon deswegen nicht auf deren Resonanzsystem reduziert werden kann, gab es seit seinen Studentenjahren in Dresden an der HfBK und schließlich an der HGB Leipzig zwei antreibende Sehnsüchte - die Großstadt Berlin und die Ostsee. Berlin, weil es eine Ahnung von Welt vermittelte, und die Ostsee, weil hier die Erweiterung selbst gesteckter Freiräume zumindest zeitweise möglich schien.
Es ist daher kein Wunder, wenn sich in seinem Werk maritime, ins Allegorische gewendete Sujets in auffälliger Häufung finden. Dabei nehmen die beiden noch in der DDR entstandenen Titanic-Bilder (Titanic I, 1981, und Titanic, 1982-1983) das Wissen um den katastrophischen Untergang nicht als plattmoralisierende Analogie, sondern als Motive für radikal-ungeschönte Blicke in den Maschinenraum des Sozialismus. Seit seinem Ausreiseantrag gelangen ihm ab 1983/84 mit seinen Flugzeugbildern (Flugzeug über der Stadt, 1989) eindrückliche Metaphern der geteilten Stadt. Sein Gemälde Adler (Die Brüder), 1989, erstmals in dieser Ausstellung gezeigt, erhebt die Situation ins Symbolhafte eines archaischen Konflikts.
In sarkastischer Selbststigmatisierung malte sich Lutz Friedel 1979, damals Meisterschüler Bernhard Heisigs an der Akademie der Künste, einmal als zwergenhafter Hofnarr und schlüpft dabei in die Gestalt einer von Velázquez porträtierten Realfigur. Hofnarr, Zwerg, Häretiker - schon diese Rollenzuweisungen machten deutlich, warum er der Welt der Seiltänzer und Strippenzieher entrinnen musste, in deren Habitus sich die Großmeister der Leipziger Schule gern einmal in spöttischer Selbstbetrachtung darstellten.
Durch die Erlangung einer Distanz zu den durchaus geachteten Lehrern - die bei anderen Künstlern Formen einer ambivalenten Hassliebe erzeugen
konnte gelang Lutz Friedel auf autonome Weise die Ablösung von den Hierarchien der Leipziger Schule. |